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Dick Francis: Rivalen

Das Unmögliche wird wahr: Nach langem Schlummer gibt es nun wieder erste Lebenszeichen aus der literarischen Teestube. Und zum Auftakt beginnen wir gleich einmal mit einer neuen Kategorie: den Krimis.

Gewöhnlich, das muss ich gestehen, bin ich kein großer Krimileser. Jedenfalls nicht, wenn es sich um sozusagen ahistorische handelt, die in unserer eigenen, allzu alltäglichen Gegenwart angesiedelt sind. Doch man soll immer aufgeschlossen für Neues sein. Und als meine Mutter mir zum wiederholten Male begeistert von Dick Francis erzählte, da packte mich doch die Neugierde.

Den willkürlich aus ihrer großen Dick-Francis-Sammlung herausgegriffenen Kriminalroman: „Rivalen“ (erschienen 1999 im Diogenes-Verlag) habe ich dann schließlich eines Spätabends als Bettlektüre zur Hand genommen. Knappe 300 Seiten später war ich höchst überrascht, als auf einmal während des Finales der Wecker klingelte.

Was mich derart gefesselt hatte, das ist rasch umrissen: Der siebzehnjährige, vom Pferderennsport begeisterte Benedict Juliard hat soeben die Schule beendet und sich auf eigentlich auf ein Zwischenjahr als Amateurjockey eingestellt, ehe er sein Studium beginnt. Doch sein Vater, mit dem er bislang eigentlich wenig zu tun hatte, da er im Haus seiner Tante aufwuchs, hat andere Pläne: George Juliard kandidiert für das Unterhaus, und da ihm, als Witwer, keine lächelnde Gattin zur Seite steht, soll diese Lücke nun der junge Ben ausfüllen. Der ist verständlicherweise zu Anfang nur bedingt begeistert von der Aussicht, wochenlang mit einem Dauerlächeln Hände zu schütteln und Babys zu tätscheln. Doch zu seiner Überraschung  erweist sich der Wahlkampf schon bald als weitaus aufregender und auch gefährlicher als jedes Pferderennen. Denn nicht nur die gegnerische Partei scheint George Juliards Wahl verhindern zu wollen: Auch in den eigenen Reihen finden sich nicht nur Freunde. Und spätestens als ein Schuss seinen Vater um Haaresbreite verfehlt, ist Ben klar, dass die Rivalitäten, in die er unversehens hineingeraten ist, wahrhaft mörderische sind. Für Ben beginnt an der Seite seines Vaters ein Kampf: Gegen Schüsse aus der Dunkelheit, politische Gegner, Feuer, hasserfüllte Skandalreporter – und gegen sich selbst. Denn noch immer vermisst er schmerzlich seine Pferderennen. Auf der anderen Seite jedoch kommt er dem Vater, den er bisher kaum kannte, immer näher und erkennt: Er könnte ihn niemals im Stich lassen.

„Rivalen“ ist angenehm zu lesen, ohne unnötige Längen einerseits oder zu knappe Sätze andererseits, mit einigen durchaus humorvollen Seitenhieben, die sich in scheinbar harmlosen Nebensätzen verbergen. Bei etwa der Hälfte des Romans scheint der Spannungsbogen abzuflachen, doch nach einem kleinen (im Zeitraffer vorgenommenen) Zeitsprung, der die Studienzeit des jungen Benedict überbrückt, gewinnt die Handlung wieder an Geschwindigkeit und fesselt bis zum Schluss. Auffallend ist die Präzision, mit der dabei einzelne Personen und ganze Milieus mit nur wenigen Strichen skizziert und ins Licht gerückt werden. Ohne Langatmigkeit entsteht ein lebhaftes Bild für den Leser – auch wenn dieser bislang mit Pferderennen noch mit den britischen Unterhauswahlen vertraut war. Die Figuren sind – bis hin zu den Nebenrollen – angenehm wenig stereotyp und als Individuen interessant. Da zudem alle Informationen, die zur Überführung des Tätes notwendig sind, nach und nach sichtbar werden, kann der Leser nicht nur mit unserem Helden und seinem Vater mitfiebern, sondern auch miträtseln. Natürlich, der Gang der Handlung und die Täter sind nicht wirklich schwer vorhersehbar. Dennoch, es macht Freude, bei der Aufdeckung des Geschehens „dabeizusein“ und am Ende ist man fast ein wenig wehmütig, dass alles überstanden ist: Man hat die Helden, ohne es recht zu bemerken, richtig lieb gewonnen.

Gerd Scherm: Die Irrfahrer

Gerd Scherms „Die Irrfahrer“, erschienen Februar 2007, ist die Fortsetzung des wunderbar augenzwinkernden Romans „Der Nomadengott“, dessen (begeisterte) Rezension vor einiger Zeit hier in der Teestube erschien.

Wer sich erinnert: Die Tajarim, erwählt von GON, dem ein wenig kurzsichtigen Gott ohne Namen, der vorzugsweise als rotgetigerte Katze erscheint, waren aus Ägypten ausgewandert und – nach zahlreichen Abenteuern – in Byblos gelandet.

Einige der ihren beschließen nun, von hier aus eine Seefahrt ins Ungewisse zu unternehmen. Kalala, die nubische Prinzessin, um ihrem geliebten Sänger El’Vis eine Tournee zu ermöglichen, einige andere eher aus geschäftlichen Gründen – man hat schließlich eine der neumodischen „AGs“ gegründet, eine Anteilsgesellschaft, und gedenkt mit allerlei Handel guten Gewinn zu erzielen.

Seshmosis, seines Zeichens Schreiber und GONs Prophet, schließt sich den Seefahrern nur widerstrebend an – eigentlich hatte er das ruhige Leben in Byblos genossen. Doch seine Neugier, die ihn ein Amulett mit seltsamen Zeichen hatte erstehen lassen, an dem dunkel gewandete Fremde nun ein unerwartetes Interesse zeigen, sowie, nicht zuletzt, GONs entschiedener Reisewunsch, stimmen ihn um.

So kommt es, dass unsere Tajarim erneut auf große Fahrt gehen – nach Griechenland. Und wer den ersten Teil der Romanreihe gelesen hat, der ahnt bereits, was zu erwarten steht: Ein herrlich witziger und zugleich äußerst lehrreicher und zum Nachdenken anregender Ausflug durch die altgriechische Mythologie und Götterwelt, in der GON als „Jokeros“ für einige Turbulenzen sorgt.

Wollten wir nicht schon immer wissen, wie das mit Theseus und dem Minotaurus wirklich war? Woher die Zyklopen den Ruf hatten, nur ein Auge zu besitzen und wie Odysseus auf die listige Idee kam, sich „Niemand“ zu nennen? Haben wir uns je gefragt, warum einigen Götterstatuen die Arme nun tatsächlich fehlen und weshalb in Homers Epos so lange Namenslisten auftauchen? Und was hat ein Nordmann namens Ikeas mit Schiffsbausätzen zu tun?

Und während die Tajarim ihre Reise beginnen, um all dies und noch viel mehr zu erfahren, sorgt ihr (verstorbener) Gefährte Aram, der Bademeister, in der ägyptischen Unterwelt für einige Unruhe, als er das neue Badehaus der Götter ausgerechnet mit Wasser aus dem Strom des Vergessens speist. Ein Versehen, welches sich für ihn, ein goldenes Kalb und vor allem für Horus und Hathor als äußerst folgenreich erweist …

Wer jetzt neugierig geworden ist, der sollte sich einfach auf die Reise mit den Irrfahrern begeben. Das Buch verspricht ein herrliches Lach- und Lesevergnügen. Und es schadet nicht, ein Buch über griechische Götter- und Heldensagen griffbereit zu haben. Ein dickes, aus der Bibliothek, nicht eine der handelsüblichen, dünnen Sagensammlungen. Denn viele der sorgfältig recherchierten Anspielungen und Details, die sich in fröhlich-phantastischen Szenen verbergen, verführen zu einem neugierigen Nachblättern und Weiterlesen.

Und das ist eigentlich das schönste Kompliment, das man einem Buch machen kann.

Freeware-Packprogramm

Etwas ungewöhnlich für die literarische Teestube, aber so nützlich, dass ich es eventuellen Lesern nicht vorenthalten wollte, ist „IZArc“. Es handelt sich um ein Freeware-Packprogramm, das – völlig gratis, ohne Testversion, Werbebanner, Adware oder ähnliche Störenfriede – alle gängigen (und weniger gängigen) Archivformate (rar, zip usw. usf.) entpacken kann. Das Packen von Dateien ist ebenfalls möglich in eine ganze Reihe (nicht alle) dieser Formate (darunter zip und 7zip, nicht aber rar). Sogar selbstentpackende Archive können erstellt werden (falls jemand so etwas braucht). Und ein Vorteil gegenüber manch anderen Freeware-Packprogrammen ist: Es verfügt über unzählige – jederzeit auswählbare – Sprachversionen, ist übersichtlich aufgebaut und installiert und bedient sich zo einfach, dass selbst ein chronischer Technik-Laie wie ich es problemlos handhaben kann 😉 . Unter http://www.izarc.org/ findet sich die offizielle Website mit dem Download und in der Wikipedia gibt es – für Interessierte – auch noch einen etwas „professionelleren“ Artikel zu diesem Programm.

Gerd Scherm, der Autor des sprühend witzigen Romans „Der Nomadengott“, wird möglicherweise einen Mittelalterroman schreiben. Da er 2007 „Turmschreiber auf Burg Abenberg“ wird, einer aus dem 11. Jahrhundert stammenden fränkischen Burg südlich von Nürnberg, will er offenbar die Gelegenheit nützen, an einem Roman zu arbeiten, der zu der Atmosphäre des „Schottenturms“ passt, in dem ihm für zwei Monate eine Wohnung zur Verfügung gestellt wird. Außerdem sind wohl mehrere öffentliche Termine geplant: Lesungen, ein Workshop zum Thema „Geschichte erzählen“ und ein poetischer Wolfram von Eschenbach-Abend (Wolfram soll auf Burg Abenberg den größten Teil seiner Kindheit und Jugend verbracht haben).
Wer jetzt neugierig geworden ist, wie dieser „Schottenturm“ aussieht (oder gar einen Besuch der Veranstaltungen plant), kann sich auf der Homepage der Burg Abenberg hier einige Bilder (und den Anfahrtsweg) ansehen. Offenbar kann man im Schottenturm – außerhalb der zwei Monate, die im Sommer für den „Turmschreiber“ reserviert sind – auch selbst Übernachtungen buchen. All jenen, denen der Weg nach Abenberg doch ein wenig zu weit ist, bleibt leider nichts anderes übrig, als voller Spannung auf das Produkt der „Turmschreiberei“ Scherms zu warten.

Das Buch zum Film findet man häufig (leider selbst dann, wenn der Film eigentlich ursprünglich auf einer Buchvorlage basiert) und neuerdings sind auch Romanserien zu Computerspielen nicht unüblich. Ein Buch zu einem Brettspiel ist jedoch eher ungewöhnlich – und gerade „Die Siedler von Catan“ bieten, auf den ersten Blick, wenig für eine dramatische Handlung. Ein wunderbares Spiel, ausgesprochen unterhaltsam für lange Abende unter Freunden – aber „Tausche Lehm gegen Erz.“, „Brauche dringend Schafe!!“ oder „Wann würfelt endlich einer die 5, verflixt, ich will endlich eine Straße bauen!?“ sind nicht eben „der Stoff, aus dem die Helden sind“.

Aber Rebecca Gablé hat es tatsächlich geschafft, auf der Grundidee einer neu zu besiedelnden Insel einen ungemein spannenden Roman aufzubauen. Alles beginnt um das Jahr 850, als das kleine, hoch im Norden gelegene Küstendorf Elasund von feindlichen Turonländern überfallen wird. Viele sterben und eine Hungerkatastrophe bedroht die Überlebenden. Die Ziehbrüder Candamir und Osmund erkennen schnell, dass nicht alle in der alten Heimat eine Zukunft haben werden und gewinnen einen Teil ihrer Nachbarn für einen Aufbruch ins Ungewisse. Ihr vages Ziel: Eine reiche, fruchtbare Insel, die der reiche Olaf durch Zufall einmal nach einem Sturm entdeckt hatte. Und so machen sie sich auf den Weg: Candamir, sein jüngerer Bruder Hacon, der Schmied Harald, der reiche, aber eigensüchtige und hartherzige Olaf mit seinen Söhnen, Osmund und sein kleiner Sohn Roric und viele andere. Nach harten Strapazen und unzähligen Gefahren kommen sie tatsächlich an, im Olafsland, in Catan. Doch das gelobte Land stellt sie erneut auf die Probe. Candamir, der seine gesamte Habe durch einen Schiffbruch verlor, muss hart arbeiten, um von Olaf wenigstens Saatgut zu erhalten, das ihn über den nächsten Winter bringen kann. Der Wald muss gerodet werden, um Felder anzulegen und Häuser zu bauen, es gilt Erzvorkommen zu finden und die Insel zu erkunden. Doch neben all diesen praktischen Herausforderungen, die für sich genommen bereits fesselnd genug sind, stehen die Siedler auch vor der Frage, wie sie die im Laufe der Zeit immer deutlicher werdende Spaltung ihrer Gemeinschaft bewältigen können. Denn Candamirs Sklave, den alle nur den „Sachsen“ nennen, ist ein ehemaliger Mönch, der unverdrossen das Christentum zu verbreiten sucht und allmählich eine wachsende Schar von Zuhörern gewinnt – was notwendigerweise zu Konflikten mit den Anhängern der alten, nordischen Götter führt. Die Ziehbrüder Candamir und Osmund finden sich dabei unversehens auf unterschiedlichen Seiten wieder und die schöne Siglind stellt ihre Freundschaft auf eine zusätzliche Probe. Zugleich entspinnt sich zwischen Candamir und Osmunds Onkel Olaf ein eiserner Machtkampf und es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis ein Streit offen entbrennt, der nicht nur Candamir und seine Familie in große Gefahr bringen kann…

Rebecca Gablés fast 800 Seiten starker Roman liest sich von der ersten bis zur letzten Zeile spannend. Wer sich an einigen recht grausamen Szenen nicht stört, der kann sich auf einen guten Schmöker freuen, der alle Zutaten besitzt, die ein guter Abenteuerroman zur Zeit der Wikinger haben muss. Und wer ein wenig sucht, der findet auch tatsächlich einiges aus dem Brettspiel wieder: In der Mitte der Insel befindet sich eine wüste Vulkanlandschaft, in die sich schließlich geächtete „Räuber“ zurückziehen, Erz und Holz befinden sich nicht zwingend in handlicher Nachbarschaft, Schafe und Getreide sind keineswegs gerecht verteilt und auch wenn es statt des Ringens um Lehm eher um das Zähmen wilder Pferde geht, fühlt sich der an lange Siedler-Sitzungen gewöhnte Leser doch manchmal versucht, die Insel auf einem Tisch mit den Spielkarten nachzubauen. Dass die Handlung nach und nach von dem ursprünglichen „Siedlerspiel“ abkommt und eher hin zu der „Rittererweiterung“ des Brettspiels tendiert, ist im Interesse der Dramatik nur nahe liegend. Einzig die Sympathielenkung im Roman ist ein wenig zu beanstanden: Die christliche Seite erscheint gegen Ende immer stärker als die vernünftige, freundliche, während sich auf der Seite der „Heiden“ auffallend viele der negativ besetzten Figuren finden. Das muss nicht bewusst in dieser Weise intendiert gewesen sein und mag sich aus der Handlungsführung ergeben haben, doch erscheint die darin lesbare Zuordnung, wollte man sie denn wörtlich nehmen, etwas einseitig. Abgesehen davon aber – und immerhin handelt es sich um einen Roman und nicht um einen Bericht mit Anspruch auf absolute historische Korrektheit- ist das Buch ausgesprochen empfehlenswert. Fans von Rebecca Gablé können ebenso auf ihre Kosten kommen wie passionierte Siedlerspieler, die möglicherweise bei ihrem nächsten Spiel mit größerem Eifer als je zuvor um Holz oder Schafe feilschen werden.

Der Tee zur Dusche

5133.pngIch gestehe, ich habe mich doch ein wenig gewundert, als ich die (zumindest in meinem Supermarktregal) neue Teekreation von Meßmer entdeckte: Grüner Tee „Melone – Aloe Vera“. Nun gut, Melone, das konnte ich mir noch ansatzweise vorstellen. Nicht, dass ich es für eine besonders nahe liegende Teezutat gehalten hätte, aber wenigstens verband ich mit dem Geschmack einer Melone noch eine gewisse, nicht unangenehme Vorstellung. Aber Aloe Vera??? Das war doch in dem Duschgel enthalten, das ich einen Augenblick vorher in den Korb gelegt hatte! Ich wusste ziemlich genau wie Aloe Vera roch – aber konnte man es auch trinken? Irgendwie bezweifelte ich das, auch wenn ich mich dunkel zu entsinnen glaubte, dass Aloe-Saft zu medizinischen Zwecken nicht nur äußerlich verwendet wurde. Nach einigem Nachdenken aber siegte meine Neugierde – immerhin, man fand ja auch Milch-und-Honig Duschgels und (seit neuestem) sogar solche mit Schokoladen-Minz-Aroma (kein Scherz – die anbietende Firma war, meine ich, Litamin). Weshalb sollte also, in der umgekehrten Richtung, nicht Aloe-Vera-Tee auch etwas Gutes sein? Und obwohl ich die Schoko-Dusche nicht erproben wollte (ich hatte doch etwas Hemmungen, wie ein After-Eight zu duften), dem Tee konnte ich (wie üblich) nicht widerstehen.

Und wie ist Melonen – Aloe Vera Tee nun? Hmmm… nun, er riecht tatsächlich wie manche Duschgels. Vor allem in trockenem Zustand, ehe man ihn aufgießt. Nicht unangenehm, aber jene, die Aloe Vera gerne in Kosmetika benutzen, mutet es vielleicht im ersten Augenblick doch ein wenig seltsam an. Geschmacklich erinnert er dann allerdings vor allem an Honigmelone, die Aloe-Vera verursacht nur eine ganz leichte, cremige Fußnote. Ein harmloser, bekömmlicher und sanfter Grüntee, den man ruhig ein wenig höher dosieren kann. Nicht besonders aufregend, aber (wenn man sich an den Geruch gewöhnt hat) vor allem für Melonen-Liebhaber sicher eine durchaus brauchbare Alternative zu den üblichen Zitronentees.

 

Erich Kästner: Lyrische Hausapotheke

Gegen Kopfschmerzen gibt es Aspirin, gegen Husten Hustensaft – aber was nimmt man, so fragt sich Erich Kästner im Vorwort dieses kleinen Gedichtbändchens, gegen Lebensüberdruß und graue Herbstabende ein? Welche Medizin hilft bei „Gefühlsanämie“ oder einem schweren Fall von „Einsamkeit“? Kästners Antwort auf diese Fragen ist eine lyrische Hausapotheke, in der er eine Art dichterischer Aspirin für jede noch so trübe Stimmung bereithält. So empfiehlt er im Inhaltsverzeichnis „Wenn man wenig Geld hat“ die Seiten 18, 19 oder auch 208 zu lesen, während für den, der gerade zu Faulheit neigt, die Seiten 118, 142 oder 184 das rechte Mittelchen zur Kur bieten. Zum Lesen dieser gar nicht bitteren Pillen benötigt man freilich ein wenig mehr Zeit als beispielsweise für Kästners Aphorismen, doch es lohnt sich. Denn schon wer sich überhaupt die Ruhe für ein oder zwei Gedichte nimmt, der baut ja ein wenig innere Spannung ab und erhält Gelegenheit zum Durchatmen. Und wenn die Gedichte dann noch von Erich Kästner stammen, ist es durchaus möglich, dass man das Büchlein mit einem kleinen, erleichterten Seufzer wieder beiseite legt und sich denkt: „Ja, so kann man das natürlich auch sehen!“

Zum Beispiel endet Kästners „Warnung vor dem Selbstmord“ (auf S.38 zu finden) mit den schönen Versen:

Ja, die Bösen und Beschränkten

Sind die Meisten und die Stärkern.

Aber spiel nicht den Gekränkten.

Bleib am Leben, sie zu ärgern!

Es kann jedoch genauso geschehen, dass man doch über sich selbst und die Welt ins Nachdenken gerät (und über zutiefst philosophischen Betrachtungen völlig vergisst, weshalb man sich eigentlich gerade geärgert hat). So heißt es in einem anderen Gedicht („Herbst auf der ganzen Linie“, S. 190 ), das in Fällen schwerer Einsamkeit empfohlen wird:

Die Stunden machen ihre Runde

Wir folgen ihnen Schritt für Schritt.

Und gehen langsam vor die Hunde.

Man führt uns hin. Wir laufen mit.

Nein, es ist nicht immer angenehm, was da geschrieben steht, denn möchte man in wohlgesetzten, pointierten Worten das hören, was man in tiefster Seele eigentlich schon wusste und sich bloß nicht eingestehen wollte? Aber andererseits ist es manchmal auch beruhigend zu wissen, dass es anderen schon genauso ging und oftmals ist es hilfreich, in ein klares Bild gegossen vor sich zu sehen, was man bisher nur „so irgendwie“ fühlte.

Natürlich, nicht alle Gedichte auf diesen über 200 Seiten sind gleich gut. Nicht jeder wird alle mögen, manche wird man erst verstehen, wenn man sie nach Jahren, in einer anderen Lebenslage, noch einmal liest. Und während die einen eingängig sind, erfordern andere zum Verständnis doch ein wenig neugieriges Grübeln. Aber das ist es ja eben, was eine Hausapotheke ausmacht: Es ist für jeden (Not)Fall etwas dabei.