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Archive for the ‘Fachbücher’ Category

Erwin Leibfried: Goethe!

Goethe! Wer hat nicht zumindest einige seiner Werke gelesen? Mehr oder minder begeistert im Rahmen des Deutschunterrichts, oder später, was mitunter vorkommen soll, sogar freiwillig und zum Vergnügen. Wer nach oder gar während solcher Lektüre beginnt, sich ein wenig mehr für den großen Dichter zu interessieren, wer nun versucht Näheres zu Goethes Lebensweg und Werk zu erfahren, der stellt rasch zweierlei fest. Erstens: Es gibt eine schier unübersehbare Flut von Literatur zu allen Aspekten und Teilaspekten seines Schaffens und Werdens, unter allen nur denkbaren Blickwinkeln. Und zweitens: beinahe all diesen Biografien, Interpretationen und Kommentarsammlungen ist eines eigen: Sie sprechen über Goethe. Über den großen Klassiker, über den verblichenen Meister. So informativ das ist – Goethe erscheint oft fern, man möchte beinahe sagen: Verstaubt, monolithisch.
Einen ganz anderen, erfrischenden Ansatz bietet hier Erwin Leibfrieds fünfbändige Goethemonografie, die 1999 im Litblockín-Verlag erschien. „Goethe! Ein Komet am Himmel der Jahrhunderte“
So unkonventionell der Titel, so einzigartig ist auch die Art, wie uns Goethe hier begegnet. Im „Vorspiel“ zu Band I schreibt Leibfried: „Machen wir den Meister lebendig!“

Und genau dies geschieht. Wie ein Flechtwerk setzen sich die Bände zusammen aus langen Passagen, in denen aus Werken, Gedichten und Briefen Goethes und seiner Zeitgenossen zitiert wird – sogar aus solchen, die bislang nur wenig bekannt waren. Dazwischen stehen Auszüge aus der wissenschaftlichen Literatur und, scheinbar ganz beiläufig eingeschoben, Leibfrieds eigene Kommentare, die präzise, detailliert und geistreich die chronologisch Goethes Leben folgenden Einzeltexte verbinden und erläutern. Die Länge der einzelnen Teilstücke wechselt – mal sind die zitierten Stellen sehr lang, dann wieder überwiegen, wo es notwendig ist, die Erklärungen.
Dadurch, dass der Leser immer wieder Goethe selbst sozusagen „sprechen“ hört, durch die Selbstzeugnisse und Zeitzeugen, erscheint der alte Meister auf einmal ganz und gar nicht mehr angestaubt, sondern höchst lebendig. Nicht nur als Dichter, sondern auch als Verliebter, als Politiker, als Naturforscher – als der vielseitig interessierte Mensch, der er war. Und durch die eingestreuten, pointierten Kommentare wird das alles zugleich verständlich, werden Zusammenhänge offenbar, Hintergründe offensichtlich. Das so entstehende Bild Goethes ist ungemein klar, brillant und bewegt.

Es ist allerdings kaum möglich zu beschreiben, wie sich eine solch außergewöhnliches Buch wie Leibfrieds „Komet“ nun liest. Um einen ungefähren Eindruck zu vermitteln, hier ein kurzer Auszug. Er stammt aus dem Kapitel „Die Leiden des jungen Werther“ im ersten Band (S.145 ff., hier S.146). Ausgewählt habe ich ihn weniger aufgrund seines Inhalts, sondern mehr, weil hier auf relativ kleinem Raum das typische Wechselspiel von Zitat und Kommentar erkennbar ist. Es geht um den plötzlichen Abschied, den Goethe als junger Mann bekanntermaßen von Wetzlar und der geliebten Pfarrerstochter Charlotte Buff nahm:

Abschied nimmt er im September [An Charlotte Buff. Wetzlar, 10.September, 1772]: Wohl hoff ich wiederzukommen, aber Gott weis wann. Lotte wie war mirs bey deinen reden ums Herz, da ich wusste es ist das letztemal dass ich Sie sehe. [Achtung! Ein gefährlicher rhetorischer Trick angeblich aufgeregter Verliebter: Du und Sie in einem Satz – ein Muster, das man noch öfter trifft. Der Frankfurter beherrscht es.]“

In solcher Weise lösen also Kommentar (Kursivdruck) und zitierter Text (Normaldruck) einander ab. Gemeinsam ergeben sie ein kunstvoll gewebtes Ganzes, in das der Leser ohne jede Anstrengung eintauchen kann. Um am Ende verwundert festzustellen, wie viel Vergnügen solch eine Fundgrube dichtgepackten Wissens bereiten kann. Und mit etwas Glück nimmt man ein neues Bild Goethes mit – nicht das Bild einer angestaubten, weißen Dichterbüste, sondern das eines überaus lebendigen, faszinierenden Mannes.

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Diese Bücher (es ist eine mehrbändige – derzeit leider noch nicht abgeschlossene – Reihe) sind, ganz kurz gesagt, literaturwissenschaftliche Kommentare zur Bibel. Nun, Bibelkommentare per se gibt es eine Menge. Aber diese, soviel kann ich versprechen (und ich war in den Vorlesungen des Autors!): diese hier sind außergewöhnlich. Wie der Untertitel sagt: "Für die Gebildeten unter ihren Verächtern." Und ich denke, den Besten Eindruck davon bekommt man, wenn man einen kleinen Auszug liest. Hier ein Abschnitt aus dem Kapitel "Die Sintflut" (was das ist, wissen wir hoffentlich noch alle 😉 ). Zu finden in Band 1, Seite 83:

"Die Wortbedeutung hat nichts mit Sünde zu tun; die germanische Wurzel sin– bedeutet: immer, überall, Sintflut also: Große Flut.

Als aber der HERR sah, daß der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens böse war immerdar, da reute es ihn, daß er die Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bekümmerte ihn in seinem Herzen.

Der ungläubige Heide wundert sich da: Gott, der allmächtige, allwissende, hätte er das nicht vorausschauen können, ahnen können, daß es mit diesen Kerlchen, so wie er sie nun mal gemacht hatte, gebrechlich, gierig, lebenslustig, schweinisch, böse, nicht besser gehen würde? Und, wieso ist der Allgewaltige bekümmert? Lebt er in Stimmungen wie die, die er geschaffen hat? Ein weißgott menschlicher Gott, ein anthropomorphisierter [wörtlich: menschenförmiger] Gott, ein Gott, der nach dem Menschen geschaffen ist. Nicht Gott hat uns nach seinem Bilde geschaffen, umgekehrt wird's richtiger: wir schaffen uns unsern Gott nach unserem Bilde. Theologie ist in Wahrheit Anthropologie."

Ich denke, dieser kleine Auszug zeigt ein wenig, was ungefähr man von diesen "Bibel-Büchern" zu erwarten hat. Anspruchsvoll, kenntnisreich und sehr detailliert, dabei aber mit immer einem kleinen Augenzwinkern und ohne eine Spur von Voreingenommenheit, folgt Prof. Leibfried dem Text der Bibel, der kommentiert, hinterfragt und passagenweise zitiert wird. Es fließen die Worte berühmter Dichter ebenso ein wie moderne, wissenschaftliche Kenntnisse aus Gebieten wie Ethnologie oder Archäologie.

In der Vorbemerkung heißt es: "Prinzip der Darstellung ist: nicht über die Bibel zu reden, sondern sie selber sprechen zu lassen." Und das genau geschieht. Die Kommentierungen sind -obwohl in keinster Weise populärwissenschaftlich! – nicht so staubtrocken und zäh wie in den gängigen Fachbüchern, sondern humorvoll und gut zu lesen. Und die Bibel selbst kommt zu Wort – so ausführlich, daß auch jene, die selten die Nase in das Original stecken, wissen, worum es in den jeweils nachfolgenden Abschnitten geht. Denn es geht auch und vor allem um eines: was steht denn da eigentlich drin, im Text der Bibel selbst ?

Um mit Prof. Leibfried zu sprechen: "So darf man auch sagen: erwarten Sie ein bewährtes Muster: so viel wie nötig und so wenig wie möglich. Und lassen sie sich unterhalten; ihr Gewicht wird sich ändern. Sie werden zunehmen – an Bildung."

Na, ist jetzt doch jemand neugierig geworden? Ich garantiere: reinschnuppern lohnt sich – auch (und gerade) für Agnostiker, Atheisten und andere Bibelmuffel.

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Safranski-Schiller.jpgAuf Safranskis "Schiller" stieß ich eher zufällig, als es die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) in ihrer "Schriftenreihe" als Band 467 für nur 5 Euro anbot. Leider ist es dort, wie ich sah, nicht mehr verfügbar (Derzeit? Vielleicht lohnt ja eine Nachfrage…) – aber auch 25 Euro im freien Handel sind, denke ich, ein vernünftiger Preis. Das Buch ist eine Biographie Schillers – und es ist noch mehr. Viel mehr. Interpretationen und Erklärungen zu seinen Werken – von Dramen bis zu theoretischen Schriften – sind, in chronlogischer Ordnung, wunderbar in den Text eingeflochten, die Wirkungsgeschichte der großen Bühnenstücke liest sich ebenso spannend, wie die persönliche Biographie des Autors. Dabei ermöglicht es der systematische Aufbau des Buches jedoch auch, gezielt nach einzelnen Werken oder Lebensstationen zu suchen. (Das gilt auch für diejenigen, die nicht genau wissen, wann in Schillers Leben was zu verorten ist – die Kapitelüberschriften sind detailliert genug!)

Was mir persönlich allerdings am meisten imponiert hat: Rüdiger Safranski versteht es, den philosophischen und weltanschaulichen Zeithintergrund verständlich und zugleich präzise zu erklären. Wer sich mit abstrakten Lexikonartikeln zu Fragen, wie "Was ist Idealismus?" oder "Was besagt Kants Erkenntnistheorie?", bisher schwer getan hat, sollte es mit diesem Buch versuchen. Die Erläuterungen sind anspruchsvoll genug, um auch Seminar-Ansprüchen zu genügen ( 😉 das Buch wurde sogar von einem meiner Professoren gelobt). Natürlich können die Erklärungen, im Rahmen einer einbändigen Biographie, nicht so erschöpfend sein wie in einem entsprechenden Fachbuch – das brauchen sie aber auch nicht. Was für das Verständnis Schillers wesentlich ist, das ist enthalten. Und zwar ausführlich genug, um ein detailliertes Gesamtbild entstehen zu lassen. Zugleich aber macht es einfach Vergnügen, in diesem Buch zu lesen. Und das ist eine wahrlich seltene Kombination.

Insgesamt ist Safranskis "Schiller" also ein heißer Tipp: für jene, die sich für Schiller interessieren, für arme Seelen, die ein Referat über ihn halten müssen – oder auch für alle, die eine anspruchsvolle, wirklich gut recherchierte Biographie lesen wollen. Einzige Einschränkung: ein bisschen mehr Aufmerksamkeit beim Lesen, als ein Ritterroman oder Ägyptenschmöker, erfordert es schon – also nicht gerade nachts um 12 in der Badewanne damit anfangen 😉 .

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