Es spricht vermutlich für sich, wenn man innerhalb von drei (zugegebenermaßen freien) Tagen drei Bücher desselben Autors ausliest. Dick Francis Kriminalroman „Favorit“ (1997 im Diogenes-Verlag erschienen) war die Nummer zwei.
Es handelt sich dabei um einen „Sid-Halley-Roman“. Sid Halley, einer der wenigen Helden, die Dick Francis in mehreren Romanen wiederkehren lässt, war Jockey, ehe er bei einem schweren Reitunfall seine linke Hand verlor und umschulen musste. Nun arbeitet er erfolgreich als Privatdetektiv und hat sich – beinahe – mit dem Umstand abgefunden, dass er eine Prothese tragen muss und nie wieder Rennen wird reiten können. Der Auftrag, einen Tierquäler zu finden, der seit einiger Zeit Ponys und Jährlingen auf der nächtlichen Weide die Vorderhufe abtrennt, scheint für ihn zunächst ein Routinefall zu sein. Doch sehr schnell muss Sid erkennen, dass er in ein Wespennest gestochen hat. Denn als Hauptverdächtiger erweist sich ausgerechnet Ellis Quint. Und der ist nicht nur ein langjähriger Freund Sids, sondern auch ein berühmter Talkmaster.
Ist der strahlende, charmante Ellis wirklich fähig, solche Grausamkeiten zu begehen? Wer steckt hinter den vehementen Angriffen der Medien, denen sich Sid auf einmal ausgesetzt sieht? Sid Halley muss bald feststellen, dass es äußerst gefährlich ist, sich mit einem populären Medienstar anzulegen – vor allem dann, wenn handfeste wirtschaftliche Interessen im Spiel sind. Für ihn beginnt ein Wettlauf mit der Zeit: Kann er die Beweise finden, um seinen alten Freund Ellis zu überführen, ehe seine Gegner ihn zum schweigen bringen?
Es ist ein rasanter Roman – die Handlung weit schneller (und stellenweise auch brutaler), als in „Rivalen“. Hier gibt es kein Abflachen des Spannungsbogens, es bleibt eine atemlose Jagd von der ersten bis zur letzten Seite. Es mag dahingestellt sein, wie realistisch es ist, einem Pferd mit einer Astschere den Vorderhuf abzutrennen, ohne dass man zuvor (oder dabei) von den übrigen drei Hufen erschlagen wird. Da Dick Francis Romane jedoch sonst bemerkenswert genau recherchiert sind (auch dort, wo es nicht um Pferde geht) und man einem ehemaligen Jockey wohl einiges an Pferdekenntnis zutrauen darf, kann man über solch kleinere Zweifel wohl hinweggehen. Denn nicht nur die Ereignisse fesseln – auch die Figuren ziehen in ihren Bann. In diesem Roman ist die Hauptfigur – Sid – recht dominant gegenüber den Nebenfiguren, doch auch wenn seine Geschichte streckenweise auf höchst (melo-)dramatische Weise in den Vordergrund rückt, sind seine Freunde und Feinde mit feinen Strichen als Individuen gezeichnet. Ohne mit Stereotypen zu arbeiten, fängt Dick Francis auch hier geschickt Typen ein, die – gerade weil sie so sind, wie sie sind – die Geschehnisse erst möglich machen.
Insgesamt ein rundum gelungener Roman, auch wenn jene, die es vorziehen, wenn ein Krimi vor den wirklich blutigen Szenen takvoll wegblendet, ihn vielleicht mit Vorsicht genießen sollten.