Das Buch zum Film findet man häufig (leider selbst dann, wenn der Film eigentlich ursprünglich auf einer Buchvorlage basiert) und neuerdings sind auch Romanserien zu Computerspielen nicht unüblich. Ein Buch zu einem Brettspiel ist jedoch eher ungewöhnlich – und gerade „Die Siedler von Catan“ bieten, auf den ersten Blick, wenig für eine dramatische Handlung. Ein wunderbares Spiel, ausgesprochen unterhaltsam für lange Abende unter Freunden – aber „Tausche Lehm gegen Erz.“, „Brauche dringend Schafe!!“ oder „Wann würfelt endlich einer die 5, verflixt, ich will endlich eine Straße bauen!?“ sind nicht eben „der Stoff, aus dem die Helden sind“.
Aber Rebecca Gablé hat es tatsächlich geschafft, auf der Grundidee einer neu zu besiedelnden Insel einen ungemein spannenden Roman aufzubauen. Alles beginnt um das Jahr 850, als das kleine, hoch im Norden gelegene Küstendorf Elasund von feindlichen Turonländern überfallen wird. Viele sterben und eine Hungerkatastrophe bedroht die Überlebenden. Die Ziehbrüder Candamir und Osmund erkennen schnell, dass nicht alle in der alten Heimat eine Zukunft haben werden und gewinnen einen Teil ihrer Nachbarn für einen Aufbruch ins Ungewisse. Ihr vages Ziel: Eine reiche, fruchtbare Insel, die der reiche Olaf durch Zufall einmal nach einem Sturm entdeckt hatte. Und so machen sie sich auf den Weg: Candamir, sein jüngerer Bruder Hacon, der Schmied Harald, der reiche, aber eigensüchtige und hartherzige Olaf mit seinen Söhnen, Osmund und sein kleiner Sohn Roric und viele andere. Nach harten Strapazen und unzähligen Gefahren kommen sie tatsächlich an, im Olafsland, in Catan. Doch das gelobte Land stellt sie erneut auf die Probe. Candamir, der seine gesamte Habe durch einen Schiffbruch verlor, muss hart arbeiten, um von Olaf wenigstens Saatgut zu erhalten, das ihn über den nächsten Winter bringen kann. Der Wald muss gerodet werden, um Felder anzulegen und Häuser zu bauen, es gilt Erzvorkommen zu finden und die Insel zu erkunden. Doch neben all diesen praktischen Herausforderungen, die für sich genommen bereits fesselnd genug sind, stehen die Siedler auch vor der Frage, wie sie die im Laufe der Zeit immer deutlicher werdende Spaltung ihrer Gemeinschaft bewältigen können. Denn Candamirs Sklave, den alle nur den „Sachsen“ nennen, ist ein ehemaliger Mönch, der unverdrossen das Christentum zu verbreiten sucht und allmählich eine wachsende Schar von Zuhörern gewinnt – was notwendigerweise zu Konflikten mit den Anhängern der alten, nordischen Götter führt. Die Ziehbrüder Candamir und Osmund finden sich dabei unversehens auf unterschiedlichen Seiten wieder und die schöne Siglind stellt ihre Freundschaft auf eine zusätzliche Probe. Zugleich entspinnt sich zwischen Candamir und Osmunds Onkel Olaf ein eiserner Machtkampf und es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis ein Streit offen entbrennt, der nicht nur Candamir und seine Familie in große Gefahr bringen kann…
Rebecca Gablés fast 800 Seiten starker Roman liest sich von der ersten bis zur letzten Zeile spannend. Wer sich an einigen recht grausamen Szenen nicht stört, der kann sich auf einen guten Schmöker freuen, der alle Zutaten besitzt, die ein guter Abenteuerroman zur Zeit der Wikinger haben muss. Und wer ein wenig sucht, der findet auch tatsächlich einiges aus dem Brettspiel wieder: In der Mitte der Insel befindet sich eine wüste Vulkanlandschaft, in die sich schließlich geächtete „Räuber“ zurückziehen, Erz und Holz befinden sich nicht zwingend in handlicher Nachbarschaft, Schafe und Getreide sind keineswegs gerecht verteilt und auch wenn es statt des Ringens um Lehm eher um das Zähmen wilder Pferde geht, fühlt sich der an lange Siedler-Sitzungen gewöhnte Leser doch manchmal versucht, die Insel auf einem Tisch mit den Spielkarten nachzubauen. Dass die Handlung nach und nach von dem ursprünglichen „Siedlerspiel“ abkommt und eher hin zu der „Rittererweiterung“ des Brettspiels tendiert, ist im Interesse der Dramatik nur nahe liegend. Einzig die Sympathielenkung im Roman ist ein wenig zu beanstanden: Die christliche Seite erscheint gegen Ende immer stärker als die vernünftige, freundliche, während sich auf der Seite der „Heiden“ auffallend viele der negativ besetzten Figuren finden. Das muss nicht bewusst in dieser Weise intendiert gewesen sein und mag sich aus der Handlungsführung ergeben haben, doch erscheint die darin lesbare Zuordnung, wollte man sie denn wörtlich nehmen, etwas einseitig. Abgesehen davon aber – und immerhin handelt es sich um einen Roman und nicht um einen Bericht mit Anspruch auf absolute historische Korrektheit- ist das Buch ausgesprochen empfehlenswert. Fans von Rebecca Gablé können ebenso auf ihre Kosten kommen wie passionierte Siedlerspieler, die möglicherweise bei ihrem nächsten Spiel mit größerem Eifer als je zuvor um Holz oder Schafe feilschen werden.