Schafe – das sind jene nicht sonderlich interessanten, wolligen Vierbeiner, die man (leider heutzutage immer seltener) auf der Wiese stehen sieht. Sie liefern Wollpullover, flauschige Weihnachtsmarkt-Schafpelze und können, wenn sie Pech haben, bereits in jungen Jahren als Lammkotlett auf unserem Grill enden. Man kann sie vor dem Einschlafen zählen (meine stolpern immer über den Zaun, den sie überspringen sollten) und findet sie immer wieder auf den friedlichen, freundlich-bunten Bildern in Kinderbüchern. Schafe sind nützlich, friedlich und … ein wenig langweilig.
Welch ein Irrtum! Spätestens seit Leonie Swanns „Glennkill“ (erschienen 2005 im Goldmann-Verlag) wissen wir: Schafe sind alles andere als langweilig – und auch längst nicht so friedlich, wie wir Menschen gerne glauben würden.
Dabei hätte die Herde des Schäfers George eigentlich selbst niemals gedacht, dass sie mehr tun würden, als fleißig und ernsthaft ihrer wichtigsten Arbeit – dem Grasen – nachzugehen. Doch dann finden sie eines Morgens George tot auf der Weide – in seiner Brust steckt ein Spaten. Und die Schafe, allen voran Miss Maple, das vielleicht klügste Schaf der Welt, beschließen, für ihren Schäfer um Gerechtigkeit zu kämpfen und den Mörder zu finden . Wie das genau vonstatten gehen soll, das ist ihnen nicht klar, denn bei dem einzigen Krimi, den George ihnen je vorgelesen hatte, war er nie bis zum Schluss vorgedrungen. Genaugenommen wissen sie nicht einmal so genau, was diese „Gerechtigkeit“überhaupt sein soll. Aber sie können es unmöglich auf sich beruhen lassen, wenn jemand ihren Schäfer tötet!
Und so machen sie sich daran, das Geheimnis zu lüften: Miss Maple, Mopple the Whale, das mollige Gedächtnisschaf der Truppe, die wollige Cloud, der alte, schon ziemlich schwerhörige Leitwidder Sir Richfield, mit seinen immer noch hervorragenden Augen, der tiefschwarze, vierhörnige Othello, der selbst eine geheimnisvolle Vergangenheit hat … die ganze Herde beginnt zu ermitteln. Wer könnte Interesse daran gehabt haben, den armen George umzubringen? Ham, der Metzger? War es eine Eifersuchtsszene oder gar ein Duell wie in den Liebesromanheftchen, die George ihnen so oft vorgelesen hatte? Und was hat dieser „Gott“ damit zu tun, der offenbar in dem großen, spitzen Haus im Dorf wohnt und der immer von der Seele redet? Haben Menschen tatsächlich auch eine Seele? Eine ganz kleine? Hat jemand versucht, George seine Seele zu stehlen? Was ist im verschlossenen Schäferwagen verborgen, das so viele Menschen so dringend haben wollen? Was führt diese seltsame Schäfer Gabriel im Schilde? Und was ist mit Melmoth, Sir Richfields verschollenem Zwillingsbruder? Miss Maple und ihre Freunde sind fest entschlossen, all das herauszufinden – und sehr bald müssen die Bewohner von Glenkill erkennen, dass Georges Schafe weit mehr können, als harmlos auf einer Weide zu stehen …
„Glennkill“ ist unbeschreiblich: Bezaubernd, anrührend, hinreißend witzig und dabei doch gleichzeitig spannend. Leonie Swann gelingt es, den gesamten Roman aus der Perspektive der Schafe zu schildern, die ihren ganz eigenen Blick auf uns Menschen haben. Und die uns doch manchmal erstaunlich klar sehen. Die Schafe selbst sind wunderbare Charaktere – und niemand sollte glauben, ein Schaf könnte nicht heldenmutig, kämpferisch, fürsorglich, stolz, gewitzt oder gar geheimnisvoll sein. Die Schafe von Glennkill sind all das und noch viel mehr. Und am Ende des Romans, der nicht nur ein Krimi, sondern vor allem eine von Herzen kommende Liebeserklärung an seine Hauptdarsteller ist, wünscht man sich für einen Augenblick beinahe selbst, ein Schaf zu sein …
Es ist ein Buch für Krimifans genauso wie für solche, die gerne von Herzen lachen, ein Buch, das seinen Leser bezaubert und 380 Seiten lang nicht mehr loslässt. Ein Buch, nicht nur für Schaffreunde und Tierliebhaber, sondern auch für jeden, der uns Menschen einmal aus einem völlig neuen Blickwinkel sehen möchte.